„Am Ende hatte ich von Australien genug“

Ein Jahr in Australien reisen und arbeiten – das war das Ziel von Lukas Scheulen. Stattdessen verließ er das Land der Kängurus und Koalas bereits nach sieben Monaten wieder und kehrte nach Deutschland zurück. Ernüchtert musste er feststellen, dass auch ein Traumland einige Schattenseiten hat.

Lukas mit Michelle in Taucheranzügen

Lukas und seine Freundin Michelle.

Pleite, abgestumpft und genervt von der Unzuverlässigkeit der Australier. Sein Resümee zu Australien hatte sich Lukas mit Sicherheit anders vorgestellt. Der 21-Jährige aus Bottrop machte sich im Oktober letzten Jahres auf, um zu seiner Freundin Michelle nach Australien zu fliegen. Die war bereits seit drei Monaten dort und arbeitete als Au Pair in Cairns. Kaum angekommen, bereisten sie zu zweit die Ostküste Richtung Süden bis nach Melbourne. Michelle hatte dafür bereits vor Lukas‘ Ankunft einen weißen Van für umgerechnet günstige 1.400 Euro erstehen können. Zwar war der Van von 1985 und hatte bereits über 200.000 Kilometer auf dem Buckel, aber „das ist ganz normal in Australien. Da fahren Autos herum, die würden in Deutschland seit 20 Jahren keinen TÜV mehr bekommen“, sagt Lukas. Für ihn war ein eigenes Auto die perfekte Möglichkeit, das Land am anderen Ende der Welt zu erkunden. „Wir konnten machen, was wir wollten und waren komplett frei und das ist ja auch der Grund, warum man nach Australien geht“, so Lukas.

Autopanne mitten im Outback

Der Van ließ sie allerdings an einem der ungünstigsten Orte Australiens im Stich. Sie fuhren gerade auf der längsten Straße Australiens durch die Nullarbor-Wüste, die Südaustralien mit Westaustralien verbindet, da streikte plötzlich der Motor. Die Wasserpumpe war kaputt gegangen und Wasser lief in den Motor. „Wir haben den Motor dann nochmal angekriegt und das war dann wie in einer Sprinkleranlage, da kam aus jeder Ritze Wasser raus“, beschreibt Lukas die Situation.

Der weiße Van am Straßenrand im Outback

Mitten in der Wüste machte der Van schlapp.

Der Motor fing auf einmal an zu qualmen und zu stinken. Das hörte aber schnell wieder auf und die beiden hofften noch immer, der Schaden am Auto würde nicht so schlimm sein. „Wir haben gar nicht realisiert, wie ernst es wirklich war“, erzählt Lukas. Sie bekamen schnell Hilfe von anderen Autofahrern. Privatleute hielten und schleppten den Van mit einem improvisierten Seil 400 Kilometer durch die Wüste in das nächste kleine Örtchen. „Wenn man die Strecke entlang fährt, sieht man überall am Straßenrand Autos stehen“, erinnert sich Lukas. Ein Abschleppdienst kostet in dieser einsamen Gegend schnell mehrere tausend Dollar und daher entscheiden sich viele Reisende, ihr ohnehin kaputtes Gefährt einfach stehen zu lassen. In der Werkstatt gab es dann für Michelle und Lukas die schockierende Nachricht: Der Motor war völlig zerstört und eine Reparatur hätte über 3.000 Dollar gekostet. Durch einen glücklichen Zufall konnten sie bei anderen Leuten bis nach Perth mitfahren. „Wir haben alles, was in unsere Rucksäcke gepasst hat, versucht, mitzunehmen. Den Van haben wir in dem kleinen Örtchen stehen gelassen.“

Schwierige Jobsuche in Perth

In Perth, die größte Stadt in Westaustralien, machten sich die beiden wieder auf Jobsuche. Fünf Wochen lang suchten sie Arbeit, egal ob im Service-Bereich, in Bäckereien, im Baugewerbe, in Agenturen oder im Garten- und Landschaftsbau. „Wir haben einfach nichts gefunden“, berichtet Lukas. Zwar hat er sogar insgesamt vier Mal Arbeitsverträge unterschrieben und es wurde ihm versprochen, dass sie sich bald melden würden, um ihm seine Schichten mitzuteilen. Dies sei aber nie passiert. „Diese Unzuverlässigkeit im Arbeitsmarkt hat mich sehr aufgeregt“, sagt Lukas. Er habe bei den Firmen dann angerufen und nachgefragt und es wurde oft ein Rückruf versprochen, aber auch das passierte nie. „Es ist nervig, wenn du darauf angewiesen bist. Das Geld ging uns immer weiter aus.“ So beschlossen sie, ihr Restgeld in ein neues Auto zu investieren und die geplante Reise fort zu führen. „Unser Ziel war es, Australien einmal zu umrunden“, sagt Lukas. Also ging es weiter die Westküste hoch nach Broome und anschließend nach Darwin.

Im tropischen Norden heißt es: schwitzen, schwitzen, schwitzen

Dort lernten sie den tropischen Norden kennen. „Es war gerade das Ende der Regenzeit und was das bedeutet, haben wir auf die harte Tour gelernt“, erzählt Lukas. Wochenlang 35-40 Grad Hitze und 80-90 Prozent Luftfeuchtigkeit brachten sie an das Limit ihrer Belastbarkeit, zumal es auch nachts nicht kühler wurde. „Es ist alles klitschnass, du bist nur am Schwitzen, du kannst nicht schlafen und man liegt nebeneinander und will sich bloß nicht berühren. So ekelhaft ist das“, erinnert er sich.

Das Zelt und der Jeep bei Nacht

In diesem Zelt schwitzten und schliefen die beiden.

Hinzu kam, dass die Westküste Australiens wenig bewohnt ist. „Da kann man teilweise vier Tage lang nicht duschen, obwohl man eigentlich jede halbe Stunde unter die Dusche springen müsste.“ Auch sind die Sehenswürdigkeiten an der Westküste weiter voneinander entfernt als an der Ostküste. „Es gibt ein halbes Dutzend Attraktionen dort und den Rest fährst du nur durch“, sagt Lukas. Am Anfang habe er sich noch auf das Outback und die Erfahrung gefreut, aber nach wenigen Tagen sah für ihn alles gleich aus. „Das ist nur eine halbe Wüste, mit Tropensand und ein paar Büschen. In der Nähe von Nationalparks sieht es kurz anders aus und danach sieht es wieder aus wie vorher.“

Schöne Strände nichts Besonderes mehr

Nach sieben Monaten Reisen hatte Lukas irgendwann genug von Australien. „Ich finde, es gibt echt viel zu sehen, aber vieles ist schon relativ gleich. Es gibt drei Hauptkategorien: Strände, Wasserfälle oder Schwimmlöcher und Canyons, wo du durchwanderst und dir die Gegend anguckst“, sagt er. Am Ende sei er richtig abgestumpft. „Wir standen da an diesem unfassbar schönen Strand, der aussah wie aus einem Bilderbuch und ich dachte mir nur, cool, schon wieder ein Strand, jetzt habe ich aber schon 50 gesehen.“

Lukas und Michelle von hinten sitzend vor Bucht

Die beiden an der Great Ocean Road.

Lukas und Michelle mit Surfbrett am Strand

Ein Strand wie viele andere? Surfers Paradise.

Den Grund für dieses Abstumpfen sieht er auch darin, dass sie lange Zeit durchgereist sind und nur kurze Pausen zwischendurch hatten. Längere Zwischenstopps gab es nur zwei: In Melbourne und Perth. „Man sollte lange Stopps machen, dass man drei Monate am Stück irgendwo arbeitet, damit man wieder runterkommt vom Reisen. Ich hätte es nicht viel länger machen wollen. Ich hatte am Ende echt genug“, stellt Lukas fest. Zumal er sein Ziel zu diesem Zeitpunkt eh erreicht hatte: einmal Australien umrunden und so viel wie möglich sehen. „Klar hätte ich auch gerne noch Bali oder Neuseeland gesehen, aber mit Australien war ich fertig.“

Pleite und desillusioniert zurück nach Deutschland  

Geplant war eigentlich, dass er bis Oktober, also ein Jahr lang, bleibt. „Ich hatte immer gehört, dass man in Australien leicht Jobs findet und gutes Geld verdienen kann.“ Daher wollte er den Rest der Zeit noch arbeiten und mit viel Geld nach Hause kommen. Schließlich liegt der Mindestlohn in Australien bei verlockenden 17,29 australischen Dollar netto – also etwa 11 Euro und damit mehr als in Deutschland. „Im Endeffekt hatte ich dann aber kein Geld mehr und musste deswegen nach Hause.“ Zwar hatte er noch versucht, in Sydney einen Job in einem Hostel anzutreten, das sei aufgrund mangelnder Absprachen der Mitarbeiter und Manager untereinander aber gescheitert. „Sie wussten, dass ich meinen Flug bereits für den 20. April gebucht hatte und mich dann ständig auf den jeweils nächsten Tag zu vertrösten, das ging einfach nicht“, so Lukas. Zu diesem Zeitpunkt hatte er genug von den mangelnden Absprachen und der Unzuverlässigkeit. „Man kann sich einfach nicht darauf verlassen, sondern muss wirklich Glück haben“, so sein Fazit.

Rechtsverkehr vs. Linksverkehr

Erst wieder gewöhnen muss er sich aber an den Straßenverkehr in Deutschland. „Jedes Mal, wenn ich über die Straße gehe, schaue ich noch nach rechts und werde fast überfahren“, erzählt Lukas. Einmal sei er auch über eine komplette Straße links gefahren, da sie leer war und er es nicht bemerkt hatte. „An solche Sachen gewöhnt man sich in Australien ganz schnell und das Umgewöhnen wird sicherlich noch etwas dauern.“ Seine Freunde hat er überrascht, denn die wussten nichts von seiner frühen Rückkehr. Negativ hat ihn aber keiner aufgenommen. „Die waren alle überrascht, dass ich jetzt schon wieder da bin. Aber sieben Monate weg zu sein ist ja auch eine lange Zeit.“ Seine Freundin ist noch in Australien, weil sie noch einmal ihre Gastfamilie besuchen wollte. Sie wird erst in einigen Tagen nach Deutschland zurück kommen.

Deutsche Tugenden sind Gold wert

Um Enttäuschungen zu vermeiden, würde er auch anderen Backpackern raten, möglichst früh mit der Jobsuche anzufangen. „Es kann schon mal sieben Wochen dauern, bis man einen Job findet und darauf sollte man auch finanziell vorbereitet sein“, rät Lukas. Dennoch ist er davon überzeugt, dass es die richtige Entscheidung war, nach Australien zu gehen. Er würde es auch jedem empfehlen. Auch seinen Abbruch bereut er nicht. „Ich konnte in Deutschland direkt wieder in meine Arbeit im Freizeitpark einsteigen und kann das auch weiterhin machen, bis ich im Oktober anfange zu studieren“, sagt Lukas. Gerade, weil er es am Schluss nicht mehr schön fand in Australien, ist er froh, wieder hier zu sein und weiß Deutschland jetzt mehr zu schätzen denn je. „Ich freue mich auf die unterschiedlichen Jahreszeiten und auch die Wälder wirken auf mich jetzt wunderschön, so grün und viel schöner als in Australien.“ Natürlich habe Australien seine Reize, den Rest seines Lebens dort verbringen könnte er aber nicht. Und auch deutsche Tugenden weiß er wieder zu schätzen. „Es hört sich doof an, aber die deutsche Zuverlässigkeit ist wirklich viel wert.“

Lukas hat seine Erlebnisse in Australien in Videos auf Youtube festgehalten, wie zum Beispiel dieses hier von Magnetic Island:

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