„Die Au Pair-Agentur war reine Geldverschwendung“

Sechs Monate in Sydney, vier Monate im tropischen Darwin, 40 Tage Roadtrip von Sydney nach Cairns und sechs Wochen Urlaub in Neuseeland – Sophia Pauls Abenteuer auf der anderen Seite der Welt liest sich wie ein Traum. Sophia war ein Jahr lang als Au Pair in Australien. Als sie im November wieder in Deutschland ankam, stand sie erst einmal ohne Job da und musste ihr Leben neu ordnen.

Sophia mit ihrem Vater und ihrer Schwester bei der Ankunft am Flughafen

Wie gewünscht: Brezel zur Ankunft! Alle Fotos: privat

Australien nach 12 Monaten zu verlassen, fiel ihr sehr schwer. „Als ich im Flugzeug nach Neuseeland saß, hab ich gedacht, jetzt ist es vorbei, ich komme nie wieder nach Australien“, erzählt sie. Da hatte sie noch sechs Wochen Urlaub in Neuseeland vor sich. Von Neuseeland nach Deutschland zu fliegen, war hingegen leichter und sie hat sich auf die Rückkehr gefreut. „Australien war mein Nummer 1 – Land und von Neuseeland konnte ich mich leichter trennen.“ Beigetragen dazu hat auch das kalte Klima in Neuseeland, weswegen sie sich schon einmal an das bevorstehende kühlere Wetter in Deutschland gewöhnen konnte. Am Flughafen in München angekommen, musste sie erst einmal lange auf ihren Koffer warten. „Ich war so aufgeregt und konnte es nicht mehr abwarten“, erinnert sie sich. Empfangen wurde sie dann von ihren Eltern und ihrer Schwester, zusammen mit einer Butterbrezel, die sie sich gewünscht hatte.

Zurück in Hotel Mama

Frisch wieder in Deutschland angekommen, kaufte sie sich erst einmal ein Auto. Auf dem Land käme sie ohne fahrbaren Untersatz sonst nicht weit. „Das ist nicht so wie in Sydney, wo ich einfach in die Bahn einsteigen und überall hinfahren kann“, lacht Sophia. Zur Zeit wohnt sie noch bei ihren Eltern, da sie trotz täglicher Suche keine Wohnung finden kann. Das wird sich wohl auch erst einmal nicht ändern, auch wenn sie es gerne anders hätte. In Australien hat sie ohne ihre Eltern gewohnt, selbst gekocht und die Wäsche gemacht. „Jetzt wird wieder alles für mich erledigt und das ist schon eine Umstellung“, sagt Sophia.

Au Pair in zwei verschiedenen Familien

Sophia mit ihren Gastkindern in Sydney an einem Tisch draußen

Sophias Gastkinder in Sydney.

Sophia hält ihre zwei Gastkinder von Darwin auf dem Arm

Ihre zwei Gastkinder in Darwin.

 

Die ausgebildete Industriekauffrau hat nach ihrer Ausbildung zunächst zwei Monate gearbeitet, bevor sie im Oktober 2014 als Au Pair nach Australien gereist ist. „Ich habe einfach gedacht, jetzt oder nie“, erinnert sich Sophia. So flog sie nach Sydney und arbeitete dort sechs Monate lang als Au Pair einer Familie mit vier Kindern. Dass sie noch ein zweites Mal in Darwin auf Kinder aufpasste, war so nicht geplant. „Es hat mir einfach so gut gefallen, dass ich es nochmal machen wollte“, erklärt Sophia. Die Arbeit als Au Pair wurde ihr von zwei Bekannten empfohlen, die ebenfalls Au Pair in Australien waren – allerdings an der Westküste, in Perth.

Zweite Familie online gefunden

Anders als in Amerika gibt es in Australien keine gesetzliche Pflicht, als Au Pair eine Agentur mit der Familienvermittlung zu beauftragen. Dennoch entschloss sich Sophia, eine Agentur in Anspruch zu nehmen. Nicht die beste Entscheidung, wie die 22-Jährige heute weiß. „Ich habe dafür viel zu viel Geld ausgegeben und es hat ein halbes Jahr gedauert, bis ich von der Agentur überhaupt Gastfamilien vorgeschlagen bekommen habe.“ Für Sophia viel zu lange. Dass es auch einen anderen, leichteren Weg gibt, weiß sie mittlerweile. „Über Facebook kriegt man Familien wie Sand am Meer“, berichtet sie.
Ihre zweite Familie hat sie online in einer Gruppe für Au Pairs und Gastfamilien kennen gelernt und war mit ihr sogar zufriedener als mit der ersten Familie. „Es war total einfach, sie zu finden. Über die Agentur hingegen habe ich 435 Euro verloren“, stellt sie verbittert fest. Darin enthalten sind nicht nur die Kosten für die Agentur, sondern auch Kosten für Dinge, die von der Agentur gefordert sind, wie zum Beispiel ein ärztliches Zertifikat, einen Erste-Hilfe-Kurs und ein Führungszeugnis.

Wenig Kontakt, aber dafür kostenlos Werbung

Mit geprüften Familien und Au Pairs werben viele Au Pair-Agenturen und versprechen somit mehr Sicherheit. Zusätzlich sollen die Au Pairs nach erfolgreichem Abschluss ihrer Au Pair-Zeit von ihrer Gastfamilie einen Bonus von 500 australischen Dollar erhalten. Sophia erhielt nicht einmal die Hälfte. Auch von den versprochenen Ansprechpartnern vor Ort in Australien war Sophia enttäuscht. Sie habe lediglich ein Blatt bekommen mit E-Mail-Adressen und Telefonnummern, „benutzt habe ich die aber nie.“ Und auch sonst gab es wenig Kontakt mit der Agentur, jedoch ließen sie es sich nicht nehmen, ihr vor der Abreise Werbung per Post zu schicken: Ein Angebot über eine Auslandskrankenversicherung, das Sophia letztendlich auch annahm. Zufrieden ist sie mit dem Service der Agentur dennoch nicht: „Hätte ich von Anfang an alleine in Facebook geschaut, wäre es viel schneller gegangen und ich hätte mir viel Geld gespart.“

Hoher Verdienst

Gut getroffen hat sie es jedoch bei der Vergütung. Bei 50 Stunden Arbeit pro Woche hat sie 400 Dollar verdient, was im Vergleich zu anderen Au Pairs überdurchschnittlich hoch ist. Zumeist erhalten sie nicht mehr als 200 Dollar pro Woche. „Ich hatte bei den Familien bisher immer Glück. Egal, wen ich getroffen habe, ich war immer die mit dem meisten Geld“, lacht sie. Dennoch hat Sophia nebenbei als Babysitter gearbeitet, um sich Geld für ihre Reisen nach der Au Pair-Zeit zusammen zu sparen.

Sophia vor der Sydney Harbour Bridge

Sophia vor der Sydney Harbour Bridge

Sophia mit Australien-Flagge am Strand

Am „Miami Australiens“: Surfers Paradise

 

 

 

 

 

Ihre unvergessliche Zeit in Australien hat sie auf sechs DVDs festgehalten, in denen ihre schönsten Bilder als Video laufen. Momentan arbeitet sie an DVDs über ihre sechswöchige Reise durch Neuseeland, in der sie knapp 3.500 Fotos und 160 Videos gemacht hat.

Gleichzeitig für Job und Studium beworben

Nachdem sie in den ersten Tagen und Wochen erst einmal alle Leute wieder getroffen und von ihrem Jahr in Down Under erzählt hatte, musste sie sich erst einmal damit auseinandersetzen, wie es in ihrem Leben weitergehen sollte. „Ich dachte, wenn ich in Australien bin, kann ich mir Gedanken machen, was ich will, aber ich habe mir nicht wirklich Gedanken gemacht, bis ich nach Hause gekommen bin.“ Deswegen hat sie sich nach ihrer Rückkehr gleichzeitig für Job und Studium beworben und das Schicksal entscheiden lassen. „Ich war mir erst nicht sicher, was ich machen wollte und war dann von den vielen Zusagen überrascht“, sagt Sophia. Sie entschied sich für die Arbeit in der Lohnbuchhaltung eines Spielhallenbetreibers.

Jahreszeiten sind für Sophia wieder etwas Besonderes

Sophia hat Begriffe über Australien in den Sand geschrieben

Im Sand: Was Sophia mit Australien verbindet.

Ganz aus ihrem Leben ist Australien jedoch noch nicht. „Ich denke auf jeden Fall jeden Tag – auch wenn es nur für eine Sekunde ist – an Australien.“ Noch heute ist sie in den vielen Facebook-Gruppen von Backpackern in Australien und liest täglich Beiträge mit. Die Sehnsucht nach den Leuten, dem Wetter und den Stränden kann sie dabei nicht unterdrücken. „Es gab Zeiten, da wollte ich sofort wieder hin und sogar auswandern“, erzählt sie. Genauso gab es aber auch Momente, in denen sie sich mit dem Gedanken abgefunden hatte, dass es zwar eine tolle Zeit war, es nun aber auch genügte. Auch, weil nicht jede Erfahrung schön war. „Das Schlimmste sind Hostel-Zimmer mit schimmeligen Duschen und Decken, Bettwanzen, Kakerlaken und Spinnen“, erinnert sie sich. Manche Zimmer waren so katastrophal, dass sie die ganze Nacht nicht schlafen konnte. Auch von schnarchenden Zimmerkollegen in Hostels oder Leute, die spät ins Zimmer kamen und alle aufweckten, blieb sie nicht verschont.
Mittlerweile ist sie in ihrer Arbeit in Deutschland sehr eingespannt und hat sich mit ihrem neuen Leben arrangiert. Besonders zu schätzen weiß sie jetzt die verschiedenen Jahreszeiten in Deutschland. „Den Übergang von Winter auf Frühling fand ich besonders schön, ich habe mich über jeden sonnigen Tag gefreut“, sagt Sophia. In Australien war das nichts Besonderes, denn da war jeden Tag strahlender Sonnenschein. Den kälteren Orten in Australien ist sie zumeist aus dem Weg gegangen, denn vor allem Melbourne und Tasmanien sind im australischen Winter durchaus mit einem deutschen Herbst zu vergleichen.

Keine Angst mehr vorm Reisen

Sophia am Meer

Sophia an der Great Ocean Road bei Melbourne.

„Ich habe gelernt, wie man reist, dass man nicht immer so viel einpacken sollte wie ich“, lacht sie. Zukünftig würde sie auch eher mit einem Rucksack reisen und nicht mit einem Koffer. Ihrer hatte nämlich am Ende der Reise ein Rad verloren, was den Transport erschwerte. Ansonsten sei sie immer noch die Gleiche „Ich bin immer noch ich“, sagt Sophia. Ihre Zeit in Australien hat ihre Lust auf Reisen geweckt. „Ich habe die Angst vorm Reisen verloren und es gibt noch viele Länder, die mich reizen“, sagt sie. Ganz oben auf ihrer Wunschliste steht dabei Amerika, allerdings nicht in naher Zukunft. „Ich arbeite jetzt erst mal“, lacht sie, „aber wer weiß, vielleicht nehme ich ja doch noch den Traum in Angriff, irgendwann auszuwandern.“

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  1. Das ist ja mal ein informativer, sorgfältig mit Liebe zum Detail geschriebener Artikel. Vielen Dank! 🙂

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