„Ein Teil von mir ist in Neuseeland geblieben“

Tim war sieben Monate lang in Neuseeland und verbrachte danach noch drei Wochen auf den Fidschi-Inseln. Kürzlich kehrte er nach Deutschland zurück. In Tagebucheinträgen gewährt der 23-Jährige aus dem Sauerland exklusive Einblicke in seine Gefühlswelt: angefangen drei Tage vor seiner Rückreise bis zwei Wochen nach seiner Ankunft in Deutschland.

3 Tage vor der Abreise: Haltlose Freude

Nur noch drei Tage, dann sitze ich jetzt um diese Zeit schon im Flieger. Unfassbar und noch vollkommen unvorstellbar, dass meine Zeit auf Reisen dann zu Ende sein wird. Wirklich begreifen werde ich es vermutlich erst, wenn ich tatsächlich durch die Tür am Frankfurter Flughafen gehen werde. Zunächst stehen die letzten drei Nächte im Paradies an. Vielleicht, ohne zu sehr an das Folgende zu denken, auch, wenn haltlose Freude in mir schlummert.

1 Tag vor Abflug: Erkältung im Anmarsch?

Selfie von Tim auf Liegestuhl am Strand

Tim kurz vor der Abreise auf den Fidschi-Inseln.

Morgen um diese Zeit werde ich schon eingecheckt haben und auf dem Weg zu meinem Stopover nach Südkorea sein. Es wird langsam Zeit, dass ich nach Hause komme. Klar fällt es schwer, das kristallklare, türkisfarbene Wasser hinter mir zu lassen, aber selbst mein Körper scheint mittlerweile einfach nur noch müde vom Reisen zu sein. Es fühlt sich nach einer herannahenden, leichten Erkältung an. Das liegt vermutlich daran, dass der innerliche und gedankliche Druck, nicht krank werden zu dürfen, stündlich abnimmt. Es klingt vielleicht verrückt, aber die Angst, aufgrund einer Erkältung auszufallen, war stets vorhanden.

Immer noch habe ich aber nicht wirklich das Gefühl, dass ich in weniger als zwei Tagen meine Familie, meine Freundin und meine Freunde wiedersehen werde. Es fühlt sich immer noch so fern und absurd an, und doch freue ich mich wie ein kleines Kind darauf.

Tag 1 der Rückreise: Zwischenstopp in Seoul

Die Nacht war eher durchwachsen. Die Klimaanlage im Vierer-Zimmer war zu kalt eingestellt und so sitze ich mit leicht verschnupfter Nase in der Abflughalle am Flughafen Nadi (Fidschi-Inseln). Zwanzig Minuten bis zum Boarding. Momentan überlagert die Freude auf das kleine noch bevorstehende Abenteuer – mein Zwischenstopp in Seoul – die Freude auf das nach Hause kommen. Ich habe es immer noch nicht realisiert, dass ich in weniger als zwei Tagen wieder zu Hause am Abendbrottisch mit meiner Familie sitzen werde. Wahrscheinlich trifft mich die Erkenntnis erst in Frankfurt wie ein Vorschlaghammer. Abwarten. Erst mal geht es für einen 19 Stunden Stopover ins südkoreanische Seoul, eine der größten Städte unseres Planeten. Auf geht’s ins letzte winzige Kapitel meiner Reise!

Selfie von Tim an seinem Fensterplatz im Flugzeug

Tim im Flieger von Nadi nach Seoul.

Der Flug von Nadi nach Seoul war länger als ich gedacht hatte, zehn statt acht Stunden. Gut, die zwei Stunden machen den Braten dann auch nicht mehr fett. Ich bin nur wirklich froh, dass ich für meinen 19-stündigen Aufenthalt in der Republik Korea ein Hotelzimmer gestellt bekomme seitens der Airline. Ansonsten kann eine solch lange Zeit mal gut und gerne zur Qual werden. Mein Befinden? Soweit ganz gut, die Halsbonbons helfen wenigstens etwas. Ehrlich gesagt fühle ich mich momentan eher wie auf einem Flug in den Urlaub. Dabei ist das genaue Gegenteil der Fall hier in 11.000 Metern über dem Pazifik.
Tag 2 der Rückreise: Brauche dringend Schlaf!

Gestern habe ich bereits zehn Stunden im Flugzeug gesessen, heute dürften noch einmal mindestens elf weitere folgen. Von der Hauptstadt Südkoreas geht es nun endlich in die nasse, kalte und doch so sehr vermisste und geliebte Heimat.

Frühstücksraum von Tims Luxus-Hotel in Seoul

Tims Luxus-Hotel in Seoul. Alle Fotos: privat

Vielleicht noch ein kleiner Nachtrag zum gestrigen Abend: Eigentlich hatte ich ja geplant, noch in die Stadt zu fahren. Hätte ich gewusst, dass es erstens so lange dauert und zweitens das Hotel nicht nahe am Flughafen, sondern auch im Stadtkern liegt, hätte sich so einiges im Vorfeld schon erledigt. So war ich dann nur heilfroh, als ich gestern um 22 Uhr Ortszeit endlich im Bett lag. Zugegebenermaßen in einem wirklich sehr schönen und guten Hotel. Von dort aus ging es dann heute um kurz vor zehn Uhr morgens wieder in Richtung Flughafen. Glücklicherweise war das Einchecken und Ausreisen dieses Mal deutlich einfacher, wenn auch langwierig.

Blaue Boeing 747 steht am Flughafen

Diese Boeing 747 brachte Tim nach Deutschland.

Und so sitze ich jetzt endlich an meinem Fensterplatz der babyblauen 747 und warte auf den Take off. Auf meinem gestrigen Flug habe ich Jonas getroffen, ebenfalls Deutscher und mit einer nahezu identischen Route. Witzig ist, dass wir uns beide immer noch nicht so fühlen, als wenn wir tatsächlich nach Hause fliegen. Wie schon gesagt, die Erkenntnis wird mich wohl erst mit voller Wucht beim Öffnen der Türen in der Ankunftshalle in Frankfurt treffen.

Statusupdate: Offiziell noch eine Stunde bis zur Landung, wir haben soeben Berlin in elf Kilometern Höhe passiert. Momentan schwebt in meinem Kopf leider nur der Gedanke nach einem Bett und einer großen Mütze Schlaf. Elf Stunden Flug ohne zumindest zeitweise zu schlafen rädern ganz schön. Hoffentlich werde ich am Boden wieder einigermaßen normal ansprechbar sein. Ich hasse es, wenn etwas Großartiges bevorsteht und man nicht in optimaler Verfassung ist. In meinem Fall wäre das: vollkommen ausgeschlafen. Mal sehen, wie es mir in einer Stunde geht.

Ankunft Flughafen Frankfurt: Beunruhigende Gefühle

Tim und seine Freundin küssen sich am Flughafen

Wiedersehen mit Tims Freundin nach sieben Monaten.

Wow, so hatte ich es mir nicht vorgestellt! Nach einer gefühlten Ewigkeit hatte ich endlich mein Gepäck und konnte in die Ankunftshalle rollen. Dort wartete meine heiß ersehnte Familie und natürlich meine Freundin! Freude, absolut! Aber was war das andere Gefühl? Keine Ahnung, erst mal freuen!

Doch das ungewohnte und beunruhigende Gefühl tief im Bauch wollte nicht verschwinden. Sehr komisch. Egal, ob kurze Zeit nach der Ankunft, der Weg nach Hause oder selbst die eigenen vier Wände. Alles wirkte so vertraut und doch so unfassbar fremd. Fremd in der eigenen Umgebung? Fremd in der Nähe der so sehr vermissten Menschen? Wow. Und dieses Mal wirklich ein sehr bedrückendes und negatives Wow. So hatte ich es mir eindeutig nicht vorgestellt. Zu positiv war alles gezeichnet und in meiner Erinnerung konstruiert worden. Vielleicht wirklich zu gut? Ich fühle mich zur Zeit wie zwischen den Stühlen. Ich glaube nicht, dass es besser werden würde, wenn ich jetzt heute direkt wieder in einen Flieger steigen und erneut los ziehen würde. Rastlos und heimatlos. Ich weiß, harte Worte, aber genauso fühlt es sich zur Zeit für mich an. Ich hoffe ganz stark, dass sich dieses Scheiß-Gefühl innerhalb der nächsten Tage ganz schnell legen wird. Schön, wieder da zu sein, aber so hatte ich es mir eindeutig nicht vorgestellt.

1 Woche nach Ankunft: Nicht vollständig angekommen

Langsam aber sicher verschwindet das taube Gefühl aus meinem Körper und meinen Gedanken. Einen sehr großen Anteil an dieser Entwicklung hat eindeutig meine Freundin, aber auch meine Familie und meine Freunde. Da wurde ich doch tatsächlich von meiner Freundin mit einer Überraschungsparty überrascht! Ein Großteil meiner Freunde und meiner Familie war dabei, um meine Rückkehr in einen angemessenen Rahmen zu setzen! Auf diese Art und Weise fällt es mir doch deutlich leichter, wieder in den Alltag zurück zu kehren.

Trotzdem bin ich weiterhin nicht vollständig hier, aber es wird langsam. Ich bin auch ein bisschen mehr eingespannt. Ich muss mich um meinen weiteren Werdegang kümmern, Auto anmelden und überhaupt sehen, was ich in der Zwischenzeit bis zum Studium mache. Ich hoffe nur, dass ich den Kontakt zu meinen neuen Bekannten und auch Freunden von Neuseeland halten kann, aber das liegt nicht alleine bei mir.

Zwei Wochen nach Ankunft: Mehr Neuseeländer als Deutscher

Mehr und mehr komme ich in alte Bewegungsmuster wieder rein und die Heimat kommt mir immer heimatlicher vor. Das war nicht von Anfang an so. Es fiel mir wirklich schwer, wieder hier zu sein. Mehr als einmal habe ich mich dabei ertappt, einfach mal nach Tickets nach Auckland zu suchen. Tja, die Zeit war halt doch enorm prägend und irgendwie habe ich das Gefühl, dass ein Teil von mir auch irgendwo da unten geblieben ist.

Dafür habe ich einen anderen, neuen Teil mitgenommen. Gerade, was bestimmte alltägliche Situationen betrifft, bin ich jetzt wohl mehr Neuseeländer als Deutscher. Ich bin gelassener und freundlicher, umso erschreckender sind für mich jedes Mal erneut die deutsche Mentalität und Verhaltensweisen: grimmig, unfreundlich und stur. So werden wir oft beschrieben und mit einer gewissen Distanz betrachtet, kann ich dem leider mittlerweile zustimmen. Egal ob es die grimmige Kassiererin ist, die einfach nur nach Hause will, der böse drein blickende Busfahrer, der sich selbst nur als „Fahrer“ sieht und jegliche andere Kommunikation kategorisch ablehnt oder aber auch die Menschen auf der Straße. Wie viele lächeln einfach mal oder sehen glücklich aus? Gut, hier ist es ja noch kalt, aber nur an der Temperatur kann es doch nicht liegen?! Es trifft zwar zum Glück nicht auf alle zu, aber auf eine große Mehrheit.

Neuseeland, oh Neuseeland – wieso kann man die schönen und positiven Seiten von dir nicht einfach importieren wie jedes andere Handelsgut auch? Außerdem hätte ich nicht gedacht, dass ich so schnell wieder in den Alltagstrott verfallen würde. Umso schöner sind jetzt aber die Videos, Fotos und meine Blog-Einträge! Auch, wenn es ab und zu wie das Leben eines anderen wirkt. Da muss ich mir jedes Mal klar und deutlich vor Augen führen, dass ich das selbst alles erlebt habe. Unfassbar, aber doch wahr – und das macht die Erinnerung dann eben so schön.

Wer mehr von Tims Abenteuer in Neuseeland lesen möchte, kann sich auf seinem Blog umsehen.

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