“Die Wertschätzung für die Auslandserfahrung fehlt häufig“

Es ist ein Nischen-Thema, mit dem sich Psychologin Prof. Dr. Petia Genkova in ihren Forschungen beschäftigt: Der Kulturschock. Im Interview erzählt sie, wie ein umgekehrter Kulturschock verläuft, wer ihn leichter wegsteckt, wie man ihn abfedern kann und wie das soziale Umfeld bei der Wiedereingewöhnung helfen kann.

Prof. Dr. Genkova, hatten Sie selber schon mal einen umgekehrten Kulturschock?

Ja. Ich war für mein Studium ein Jahr lang in Deutschland und bei meiner Rückkehr nach Bulgarien hatte ich einen umgekehrten Kulturschock. Damals kannte ich die Theorien noch nicht, aber selbst wenn ich es gewusst hätte, hätte ich auch gelitten. Ich hätte nur die Zuversicht gehabt, dass es nach einer gewissen Zeit definitiv besser wird.

Wie sind Sie damals damit umgegangen?

Porträt von Prof. Dr. Petia Genkova

Prof. Dr. Petia Genkova

Das ist mehr als 20 Jahre her. Ich hatte schon viele Schwierigkeiten, damit klar zu kommen. Nach einer gewissen Zeit wollten sich die Leute meine Erzählungen nicht mehr anhören, was in Deutschland besser und anders ist. Sie waren teilweise genervt und ich hatte auch wirklich Zweifel, ob es die richtige Entscheidung war, zurück nach Bulgarien zu kommen oder dort länger zu bleiben. Durch die Bewältigung von Alltagsaufgaben in meinem Studium habe ich wieder die Zuversicht gefunden, dass das das Richtige war.

Hat jeder, der nach einem längeren Auslandsaufenthalt wie zum Beispiel Au Pair, Auslandssemester, Work and Travel zurückkehrt, einen umgekehrten Kulturschock?

Den Kulturschock als Phänomen haben eigentlich alle, nur im unterschiedlich ausgeprägten Maße. Die Wiederanpassung bei den Rückkehrern verläuft ähnlich. Manche bleiben viel länger drin stecken und trauern ihrer Zeit im Ausland nach und finden, dass sie es dort viel besser hatten.

In der Forschung ist der Kulturschock in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts entstanden. Damit bezeichnet man alle negativen Folgen, die beim Kontakt mit einer fremden Kultur entstehen. Damals hat man bei einer Volkszählung in den USA verifiziert, dass 80 Prozent der Patienten in psychosomatischen Kliniken und Krankenhäusern Migranten sind, obwohl sie zu diesem Zeitpunkt in den USA nicht mal 20 Prozent der Gesamtbevölkerung ausgemacht haben. Da hat man sich damals gefragt, wieso haben wir hier nur labile und nicht leistungsstarke Migranten und man hat begonnen, das zu erforschen. Daraufhin hat man festgestellt, dass jede Auseinandersetzung mit einer Kultur und die damit zusammenhängende Veränderung ein tiefgreifendes Stressereignis ist. Ein tiefgreifendes Stressereignis ist auch der Tod in der Familie, Verlust, Scheidung, aber es gibt auch positive tiefgreifende Stressereignisse wie die Geburt oder Heirat.

Kulturschock

Mit „Kulturschock“ bezeichnet man alle negativen Folgen, die beim Kontakt mit einer fremden Kultur entstehen. Beim umgekehrten Kulturschock handelt es sich um das Phänomen eines Kulturschocks bei der Rückkehr aus einer fremden Kultur in die eigene Heimat. Dieser kann sogar heftiger sein als bei Eintreten in die fremde Kultur, da die Notwendigkeit einer Reintegration in die eigene Kultur in der Regel eine höchst unerwartete psychologische Erfahrung darstellt.

Wie verläuft ein Kulturschock?

Zuerst haben wir eine Verliebtheitsphase, in der wir in der neuen Kultur alles ganz toll und spannend finden. Dann kommt eine kritische Phase, diese Schockphase, in der man beginnt, die Angehörigen der Kultur zu hassen, nicht toll zu finden und alles nicht so angebracht zu finden. Diese Phase beginnt grob nach 9,5 Wochen und kann bis zu 6 Monate dauern, bis man sich anpasst. Bei vielen Migranten kann es passieren, dass sie auch in einer früheren Phase stecken bleiben und sich gar nicht der fremden Kultur anpassen. Laut unserer Studien wiederholt sich das dann beim umgekehrten Kulturschock.

Grafik Phasen des Kulturschocks

Phasen des Kulturschocks – die gleichen Phasen werden bei der Rückkehr ins Heimatland durchlaufen.

Wenn die Leute zurück kommen, finden sie zuerst die eigene Kultur ganz spannend und ganz toll. Sie freuen sich, zurück zu sein und endlich können sie das essen, was sie wollen. Nach ungefähr 9,5 Wochen geraten sie in die Schockphase, wo sie sich nicht verstanden fühlen. Dann stellen sie fest, dass die Angehörigen der eigenen Kultur die Erfahrungen nicht so wertschätzen. Der erste Kulturschock dauert um die 12 Wochen und nach ungefähr 3 bis 6 Monaten erfolgt die Anpassung und man kann davon ausgehen, dass die Leute diesen Stress bewältigt haben und sich wieder in die eigene Kultur integriert haben.

Ist ein umgekehrter Kulturschock in mancher Hinsicht vielleicht sogar gut, um das Erlebte zu verarbeiten?

Ja, denn es bedeutet, dass jemand Stress bewältigen kann. Grundsätzlich ist jede Veränderung Stress, und ob wir das gut oder schlecht verarbeiten, hängt davon ab, wie wir das selber bewerten.

Wer ist „anfälliger“ für den umgekehrten Kulturschock? Wer steckt es leichter weg?

Es ist stark von der Persönlichkeit abhängig, ob die Persönlichkeit emotions- oder problemorientiert mit Stress umgeht. Wir haben in der Forschung verifiziert, dass problemorientierte Stressbewältigung besser ist. Die problemorientierte Ebene heißt, sich der Situation aktiv anzupassen und seine Lage zu ändern. Das sind Personen, die sagen, ok, jetzt bin ich hier und habe diese Umstände, und ich versuche mal, das Beste daraus zu machen. Solche Menschen stecken das viel leichter weg und ab dem 3., 4. Monat sind sie schon in ihrem vorherigen Leben zurück. Der Umgang über die Emotionsebene dagegen bedeutet, dass jemand in der Krise ist und in seiner Unzufriedenheit stecken bleibt und sich missverstanden fühlt.

Wie sahen Ihre Studien zum Bereich umgekehrter Kulturschock aus?

Bei den Studien konnten wir herausfinden, welche Voraussetzungen für einen erfolgreichen Auslandsaufenthalt und für eine erfolgreiche Rückkehr erforderlich sind, so genannte Erfolgsprädiktoren. Allerdings haben wir viel mehr Studien zu Auslandsaufenthalten gemacht als mit Rückkehrern. Der Grund ist ganz banal: wir haben versucht, viele Studien mit Rückkehrern zu machen, doch diese brechen zusammen, da etwa 2/3 der Befragten abbrechen. Wenn jemand aus dem Ausland zurückkommt, wie Expetriats, verlässt er meistens das Unternehmen, dann können wir ihn nicht mehr befragen. Und auch Personen, die im Ausland studiert haben, sind vor oder während des Auslandsaufenthaltes viel stärker motiviert, an der Befragung teilzunehmen als nach der Rückkehr.

Sind Sie die einzige Forscherin auf dem Gebiet, was Rückkehrer angeht?

Das würde ich nicht sagen. Es ist in Deutschland insgesamt weniger erforscht als in den USA. In Europa gibt es in den Niederlanden ein paar Forscher, die sich damit intensiv auseinander gesetzt haben, aber die empirische Forschung findet primär in den USA statt. Das kommt daher, weil sich die USA insgesamt als eine multikulturelle Gesellschaft sehen und sich demzufolge mit Migrationsforschung und mit den Wechselwirkungen zwischen Leistung und Migration viel stärker auseinandergesetzt haben.

Woran liegt das?

Es liegt daran, dass es kein Mainstream-Thema ist, sondern eher als spezifisch erachtet wird. In der Mainstream-Wissenschaft hat man sich mehr mit anderen Themen auseinander gesetzt, die eher einen universellen Charakter haben. Man hat auch versucht, die Gründe für den Abbruch eines Auslandsaufenthalts in den individuellen Merkmalen der Person zu sehen. So ist sie zum Beispiel dem Druck nicht gewachsen, den Herausforderungen oder familiäre Umstände werden dafür verantwortlich gemacht, statt auf die kulturelle Perspektive zu schauen.

Die internationale Forschung und auch ich konnten in Studien belegen, dass die Leute, die einen Auslandsaufenthalt mit so genannter Aufgabenerfüllung machen, eher leistungsstarke Personen sind. Das trifft also auch auf Au Pairs, Work and Traveller und Studierende zu. Wenn jemand nur Tourist ist, ist das ja keine richtige Auseinandersetzung mit der Kultur. Wer aber bereit ist, in der fremden Kultur Leistung zu erbringen, die anderen Kriterien entspricht, der macht einen praktischen Auslandsaufenthalt mit Aufgabenerfüllung. Personen, die Schonungsmuster im Bezug auf Arbeit haben oder die Burn-out-gefährdet sind, interessieren sich nicht für einen Auslandsaufenthalt. Diese sind nicht bereit, woanders zu immigrieren und Leistung zu bringen.

Was ist für den Rückkehrer die Herausforderung bei der Ankunft in der Heimat?

Ein soziales Umfeld zu finden, welches die neuen Erfahrungen und Kenntnisse wertschätzt, es als Bereicherung ansieht und nicht als verlorene Lebenszeit. Egal, wo man den Aufenthalt hatte oder in welcher Kultur. Erhält der Rückkehrer diese Wertschätzung nicht, so gerät er stärker in den umgekehrten Kulturschock und hat eine Identitätskrise. Der Rückkehrer fragt sich, ob es das Richtige war und ob er überhaupt noch einmal einen Auslandsaufenthalt antreten soll und wie er die verlorene Zeit nachholen soll. Die Identität kann sich dann nur herausbilden, wenn die jungen Menschen die soziale Unterstützung vom Umfeld erhalten. An Hochschulen ist es eine gute Maßnahme, Studierende, die aus dem Auslandssemester zurückkommen, mit denen, die ins Ausland fahren, zu verknüpfen. Die Rückkehrer können dann ihre Erfahrungen weitergeben und merken, das ist ein großer Wissensschatz, den sie gewonnen haben. Das hat sich auch als stressabfedernde Maßnahme etabliert.

Welche Rolle spielt es beim umgekehrten Kulturschock, ob der Rückkehrer bereits weiß, wie es in der Heimat weitergeht (z.B. mit einem Studium, Arbeitsstelle)?

Die meisten Rückkehrer haben bereits einen Plan im Kopf, was sie im Heimatland machen wollen und da fühlt man sich sowieso stark. Es hilft natürlich und ist beruhigend, wenn man bereits genau weiß, wie es weitergeht und was bevorsteht, aber trotzdem kann man sich vor dem Kulturschock nicht retten.

Wie können die jungen Menschen den Kulturschock abfedern und sich die Wiedereingewöhnung erleichtern?

Es ist schwer, da man denkt, ich bin doch hier geboren und aufgewachsen, ich kenne mich hier aus. Aber jede Kultur entwickelt sich und den Rückkehrern wird bewusst, dass sich vieles während deren Abwesenheit verändert hat. Aus den Erkenntnissen der Forschung würde ich ihnen erstens raten, dass sie bereits vor der Rückreise wieder Kontakt zu Freunden, Angehörigen und Kollegen aufnehmen und diesen intensivieren. So haben sie, wenn sie zurück sind, direkt das soziale Umfeld und aktive soziale Unterstützung und können über ihre Erfahrungen sprechen. Meistens neigt man zu Kontaktquantität, also mit sehr vielen Menschen oberflächlich zu sprechen, aber das hilft weniger. Es hilft mehr, sich intensiv mit sich selbst auseinander zu setzen und dafür lieber mit weniger Leuten darüber sprechen. Das ist dann eine gute Basis, dass man sich schnell wieder zurück findet und das gewohnte Leben aufnimmt, dass man ausgeglichen, zufrieden, glücklich und erfolgreich ist.

Als zweites ist es gut, wenn sich die Rückkehrer untereinander austauschen. Sie können an ihre Erfahrungen anknüpfen und sich weiter den Umständen besser anpassen und arrangieren. Wobei der Begriff „anpassen“ neutral ist, es geht nur darum, sich an Stress anzupassen und das ist eine gewohnte Art und Weise, sich damit auseinander zu setzen. Am Besten ist die problemorientierte Stressbewältigung, also aktive Suche von Austausch, Hilfe und Auseinandersetzung. Das ist viel hilfreicher als emotionsbedingte Stressbewältigung, also wenn jemand traurig ist und nur auf der Suche ist nach Empathie. Das hilft vielleicht ein wenig im momentanen Zustand, aber wirklich für die Bewältigung des Kulturschocks hilft eigentlich nur die problemorientierte Stressbewältigung.

Wie finden Sie, ist das Thema in den Medien repräsentiert?

Das Thema Kulturschock ist unterrepräsentiert, weil es kein Mainstream-Thema ist. Viele Ansätze wollen den umgekehrten Kulturschock mit der Persönlichkeit oder der Motivation der Rückkehrer erklären und kennen sich weniger mit den spezifischen Ansätzen aus. Man hat dann aber in der Forschung festgestellt, mit den Mainstream-Variablen können wir nicht alle Phänomene diesbezüglich erklären.

In welche Richtung geht die momentane Forschung im Bereich umgekehrter Kulturschock?

Es wird in der Forschung untersucht, ob irgendwelche außergewöhnlichen Ereignisse einen negativen oder positiven Einfluss auf die Bewältigung des Kulturschocks haben. Negativ wäre zum Beispiel Diskriminierung. Das Ergebnis war, es sind weniger die tiefgreifenden Ereignisse, sondern mehr die Alltagsärgernisse, die die Stressbelastung bei der Migration ausmachen. Es reicht auch, wenn wir 20 Alltagsärgernisse am Tag haben, das ist genauso belastend wie ein gravierendes Stressereignis. Und das kann alles sein, ein Ticket kaufen, irgendeine Versicherung ummelden und so weiter. Alltagsärgernisse sind wirklich ein großer Stressfaktor beim Auslandsaufenthalt und bei den Rückkehrern, denn sie müssen wieder vieles regeln, wenn sie zurück kommen, und das belastet sie.

Über Prof. Dr. Petia Genkova

Sie hat in Interkulturelle Kommunikation und Psychologie habilitiert und ist derzeit an der Hochschule Osnabrück im Studiengang Wirtschaftspsychologie als Professorin tätig. Sie ist eine ausgewiesene Expertin in diesem Bereich.

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