Tausche Bürostuhl gegen Fahrradsattel

Stefan Ebert ist ein Weltenbummler. Nach jahrelangem Reisen ist der 33-Jährige aus Suhl seit einem Jahr wieder zurück in Deutschland. Jetzt hat er sich seinen Traum erfüllt: Er hat sich selbstständig gemacht und ist Reiseveranstalter von Fahrrad-Fernreisen in Zentralasien.

Ganzkörperporträt Stefan Ebert

Stefan Ebert mal ohne Rad.

Du bist mit dem Fahrrad im Frühjahr / Sommer 2014 von Kirgistan nach Deutschland zurück gefahren – wie kam es dazu?

Ich hatte zu der Zeit eine Fernbeziehung mit meiner Freundin und das wollten wir beenden und zusammen kommen. Wir waren beide um die 30 und haben uns gedacht, jetzt oder nie, nochmal los, nochmal Weltreise, nochmal was anderes, da hatten wir beide sehr viel Lust drauf. Zuerst war unsere Idee, mit dem Auto von Kirgistan nach Deutschland zu fahren und dann irgendwann kam die Idee, warum nicht mit dem Fahrrad. Wir waren 4 1/2 Monate unterwegs, danach bin ich wieder nach Kirgistan, um weiter an meinen Fahrrad-Touren zu arbeiten.

Du bist ein Weltenbummler, bist ein halbes Jahr durch Südamerika gereist, hast ein Auslandssemester in Spanien hinter dir und warst in Zentralasien und Down Under unterwegs. Du bist quasi ein Experte im Zurückkommen. Wie war es für dich?

Nach Spanien wieder nach Leipzig in das alte Studentenleben zurückzukommen, war nicht einfach und ein Kulturschock. Die Leichtigkeit in Valencia war so enorm und so ein positives Erlebnis. Der Abschied war hart und es hat mich eine ganze Weile beschäftigt, wieder reinzukommen. Zu dieser Zeit war die WM 2006 und das war eine gute Möglichkeit, mich abzulenken. Dann habe ich meine Reisepläne für Südamerika geschmiedet. Nach Südamerika fiel es mir auch schwer, wieder in Deutschland anzukommen. Ich bin vor allem wegen zwei Hochzeiten von Freunden zurück gekommen. Es hat mich locker vier Monate gekostet, um mit dem Kulturschock klar zu kommen, und mich wieder ins normale Leben zu integrieren. Zwischen einem bolivianischen Leben und einem deutschen Leben liegen Welten. Damals bin ich auch in die Kleinstadt zurück nach Suhl, das war eine Übergangsphase, bis ich das zweite Praktikum hatte. Ich glaube, dass es einfacher ist, zurückzukommen mit einem Plan, dann hat man eine Perspektive.

Wie ging es dir nach der Rückkehr aus Down Under?

Erstaunlich gut, das liegt vielleicht auch daran, weil Neuseeland und Australien eh schon westlich sind, da war der Kulturschock schon mal nicht gegeben. Ich habe gemerkt, es wäre schön, noch weiter zu reisen, aber eigentlich möchte ich jetzt auch beruflich vorankommen. Da bin ich auch nach Suhl zurück gekommen und fand es erstaunlich gut, wieder hier anzukommen, Familie zu sehen, das war die große Freude. Das ist mir in den letzten Jahren auch immer bewusster geworden, wie wichtig Familie ist. Ich fand es richtig schön, wieder da zu sein und sie alle um mich zu haben, Freunde und Familie. Ich hab definitiv gemerkt bei all dem Weltenbummeln und meine Faszination für andere Länder, andere Menschen, andere Regionen, Lebensstil, bei allem, was man da so erlebt, dass ich selbst auch irgendwie meine Wurzeln nie verleugnen kann und mich hier einfach sehr wohl fühle. Ich kann mir zwar vorstellen, auszuwandern, aber das Abenteuer, jetzt loszuziehen und die krassen Reisen zu machen, das ist gerade in den Hintergrund getreten. Es ist eher auf einer anderen Ebene wichtiger, sozusagen den Fuß ins neue Gebiet zu setzen z.B mit der Selbstständigkeit und dem Beruf, was ich auch woanders nicht so hätte machen können.

Du bietest Mountainbike-Reisen in Kirgistan und Tadschikistan an. Was ist das Konzept deiner Fahrradreisen?

Stefan fährt Fahrrad in Kirgistan

Stefan bei seiner ersten Kirgistantour 2014.

Man könnte es so zusammenfassen: „Erlebe das Abenteuer und verlass dich dabei auf unseren Service“. Es sind eine Art all-inclusive – Reisen, das heißt, die Leute kommen da hin und wir kümmern uns um alles: Alle Übernachtungen, Vollverpflegung, Gepäcktransport, ich selbst leite das Ganze vor Ort und fahre mit der Gruppe über die Strecke, der ganze Ablauf ist geplant. Fahrrad-Reisen sind eine sehr gute Möglichkeit, um Land und Leute gut kennen zu lernen. Bei jeder Fahrt hat man das Gefühl, dass man nah dran ist an den Leuten. Auf unseren Routen treffen wir immer viele Locals.

Ist bei einer solch durchgeplanten Reise dann nicht der Charme vom Abenteuer weg?

Das sehe ich nicht so. Ich wende mich an Leute, die zwei Wochen Urlaub haben und etwas ganz Besonderes, wie zum Beispiel eine andere Gegend mit dem Fahrrad bereisen möchten. Auf der einen Seite ist die Reise natürlich total organisiert, was aber offen ist, sind die Begegnungen. Das hängt sehr stark davon ab, wie die Gruppe drauf ist, wie schnell sie fahren, was sie erleben möchten.

Selfie von Stefan mit einem einheimischen Hirtenjunge

Stefan mit einem 6-jährigen Hirtenjungen.

In Kirgistan oder Tadschikistan kommt man grundsätzlich mit den Locals in Kontakt und wird angesprochen, egal, wo man dort unterwegs ist. Das Ganze ist zwar all inclusive–mäßig organisiert, aber nicht eine aalglatte Reise, ganz im Gegenteil, es ist schon noch ein bisschen Abenteuer dabei.

Wie bist du auf die Idee dazu gekommen?

Ich habe für die GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) in Kirgistan gearbeitet. Die GIZ ist ein großes Bundesunternehmen, das die Entwicklungshilfe in den Partnerländern von Deutschland umsetzt. An meinen freien Tagen habe ich Ausflüge gemacht, ich war viel Klettern, Wandern, Fahrrad fahren und im Winter Ski fahren und bin mit meinem Auto durch Kirgistan gefahren. Im Grunde genommen habe ich jede freie Minute genutzt, um das Land kennen zu lernen. Kirgistan ist ein wunderbares Land und geradezu prädestiniert, um dort Aktiv-Tourismus zu machen, aber eben auch zum Mountainbiken. Da gab es jetzt nicht so fertige Routen oder die fertige Tour und mein Traum war es, das mal zu machen. Ich wollte schon in Bolivien eine Mountainbike-Tour ausarbeiten und führen. Damals bin ich dann aber zurück geflogen, weil Hochzeiten anstanden. Ich bin dann nie wieder zurück nach Bolivien und jetzt habe ich gedacht, bevor ich jetzt aus Kirgistan verschwinde, muss ich da mal was auf die Beine stellen und das ist ja auch ein Grund, wieder zu kommen.

Wie kommt dein Konzept bisher an?

Es läuft gut an, ich bin sehr zufrieden mit dem Start. Ich habe erst im Januar angefangen, dafür zu werben, was relativ spät ist für die Reisebranche und dennoch sind alle drei Touren so gut gebucht, dass sie stattfinden werden. Anfragen fürs nächste Jahr gibt es auch schon.

Glaubst du, du kannst langfristig davon leben?

Das ist ein Standbein, ein Saisonjob, ich kann mir davon nicht meinen gesamten Jahresunterhalt finanzieren, aber das soll es auch gar nicht.

Was soll dein anderes Standbein sein?

Das definiert sich gerade (lacht). Ich bin noch gar nicht so sehr dazu gekommen, weil ich jetzt so beschäftigt war mit diesem ganzen Thema Reiseveranstalter und das alles zu organisieren. Ich habe den ganzen letzten Sommer auf dem Fahrrad verbracht und Reisen geführt über die Alpen, in Spanien und in Kirgistan und habe versucht, erst mal die Erfahrung aufzubauen und jetzt geht es eben an die Selbstständigkeit. Ich habe Fahrrad-Touren schon langjährig vor Ort in Kirgistan gemacht, damals aber in Zusammenarbeit mit einem deutschen Reiseveranstalter. Ich wollte eine größere Vielfalt an Reisen anbieten und deswegen habe ich mich selbstständig gemacht und trete jetzt zum ersten Mal selbst als Reiseveranstalter auf. Ein Grund war auch, dass ich mich nach meiner Rückkehr entscheiden musste zwischen einem normalen Bürojob oder meinen Traum zu verwirklichen. Und das habe ich dann gemacht. Jetzt langsam komme ich ins ruhige Fahrwasser und mache mir Gedanken, was der zweite Job werden kann. Auf jeden Fall nicht noch ein Saisonjob, sondern eher etwas, was ich schon gemacht habe, zum Beispiel als Soziologe zu arbeiten, wäre schon ganz cool.

Du hast nach deiner Rückkehr erst mal wieder bei deinen Eltern gewohnt. Warum?

Ich bin wieder gekommen und stand vor dem Nichts und vor der Frage, wie geht es jetzt weiter. Bis ich relativ schnell entschieden habe, dass ich mich selbstständig mache. Zum einen war es eine Kostenfrage, bei meinen Eltern zu wohnen, und zum anderen war es für die Unternehmensgründung total hilfreich und wichtig gewesen, ein soziales Netzwerk, also familiäres Umfeld und Freunde da zu haben. Es war allerdings auch nicht immer leicht, wieder mit meinen Eltern zusammen zu wohnen. Anfang des Jahres bin ich in ein kleines Häuschen auf dem Grundstück meiner Eltern gezogen, aber es wird nicht mein dauerhafter Lebensmittelpunkt sein. Ich suche jetzt schon nach einem anderen Ort, wo ich hinziehen und arbeiten kann. Wahrscheinlich wird es Süddeutschland werden, irgendwo in dem Alpen-Gebiet.

Inwiefern gestaltete sich das Zusammenleben mit deinen Eltern als schwierig?

Ich habe 15 Jahre lang selbstständig gelebt irgendwo auf der Welt oder in Deutschland, kam dann nach Hause zurück und hatte das Gefühl, dass jemand anderes versucht, etwas zu bestimmen und sich in mein Leben einmischt. Es sind ja oft auch nette Sachen, die ich aber dennoch nicht gerne akzeptiere, weil ich ja selbstständig bin. Dieses Gefühl, dass jemand anderes in den eigenen Hoheitsbereich eindringt. Und andersrum ist es für meine Eltern natürlich genauso gewesen, dass ich ein Stück weit bei denen in ihr Haus eingedrungen bin.

Was hast du aus deinen Reisen für dich mitgenommen?

Stefan auf dem Rad vor einheimischen Hütten in Kirgistan

Stefan am Son Kul 2015 in Kirgistan. Alle Fotos: privat

Ich glaube, ich wäre ein anderer Mensch, wenn ich nicht auf Reisen gewesen wäre. Ich bin mir zu 100% sicher, ich wäre ein deprimierter Mensch geworden (lacht). Weil es natürlich traurig ist, wenn man Träume hat, die man dann aber nie umsetzt. Ich kann ganz sicher sagen, dass mich das Reisen toleranter, offener und interessierter gemacht hat gegenüber fremden Kulturen. Insbesondere der Islam, das war für mich schon auch wichtig, da mal durch diese Länder durchzukommen. Ich spreche jetzt Englisch und Spanisch fließend und Russisch recht gut.

Wie bist du überhaupt zum Reisen gekommen?

Ich habe 2002 mit einem Studium angefangen in Leipzig, Soziologie im Hauptfach, BWL und Kommunikationswissenschaften im Nebenfach und da hatte ich bereits das Gefühl bekommen, ich muss und möchte mal reisen. Es war eine absolute Unruhe, ich wollte unbedingt hier weg und noch etwas anderes sehen.

Nach allem, was du bisher gesehen hast: Gibt es noch irgendwas, das dich anzieht oder sagst du, du hast schon alles gesehen, du bist fertig?

Nein, fertig bin ich nicht, aber ich habe tatsächlich das Gefühl, dass ich ruhiger geworden bin. Diese Reiselust ist sehr zurückgegangen, nachdem ich die Reisen beendet habe. Aber vielleicht auch, weil ich jetzt Reiseunternehmer bin und im Sommer wieder dort bin und mich jetzt schon sehr darauf freue. Es gibt definitiv Kontinente, zu denen ich echt gerne mal hin möchte wie zum Beispiel Nordamerika oder Afrika, aber das hat Zeit und muss nicht sofort passieren. Es ist tatsächlich so, dass diese Unruhe ein bisschen gestillt wurde mit dem vielen Reisen. Fernweh ist heilbar (lacht).

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